0 gelesene Bücher und diese lästige innere Buchhaltung
Ich habe im Juni kein einziges Buch gelesen.
Und nein, ich schreibe das nicht, weil ich dafür Applaus für schonungslose Ehrlichkeit erwarte. Es ist einfach die nüchterne Bestandsaufnahme eines Monats, der lesetechnisch offenbar beschlossen hat, sich komplett aus meiner Statistik zu entfernen.
0 gelesene Bücher.
Sehr klar. Sehr ordentlich. Sehr unbefriedigend.
Für einen Bücherblog ist das natürlich eine eher ungünstige Ausgangslage. Ein bisschen so, als würde ein Kochblog mitteilen, dass im Juni hauptsächlich Toastbrot, Lieferdienst und moralische Verdrängung auf dem Speiseplan standen. Kann man machen. Wirkt nur thematisch leicht beschädigt.
Aber gut. Genau dort stehen wir jetzt.
Der Juni war warm. Mein Kopf war voll. Und mein Kopf hatte abends offenbar keinen Bedarf an anspruchsvoller innerer Mitarbeit. Lesen verlangt ja doch eine gewisse Bereitschaft, sich einzulassen. Man muss mitdenken, mitfühlen, sich eine Welt aufbauen, Stimmen im Kopf entstehen lassen, Figuren aushalten, Entscheidungen bewerten und im besten Fall am Ende auch noch eine Meinung dazu haben.
Mein Kopf wollte im Juni keine Meinung haben.
Mein Kopf wollte Play drücken und danach möglichst in Ruhe gelassen werden.
Berieselung also. Dieses herrlich anspruchslose Dahingleitenlassen, bei dem man nicht einmal so tun muss, als würde man gerade an seiner Persönlichkeit arbeiten. Streaming ist in solchen Phasen nicht unbedingt die bessere Wahl. Aber es ist die leichtere. Und manchmal gewinnt nicht das, was schöner, klüger oder wertvoller wäre, sondern schlicht das, was weniger Kraft kostet.
Das ist kein besonders poetischer Satz.
Aber ziemlich wahrscheinlich ein wahrer.
Natürlich könnte ich jetzt behaupten, ich hätte einfach keine Zeit gehabt. Das klingt immer ein bisschen respektabler. Zeitmangel ist gesellschaftlich anerkannt. „Kopf voll“ klingt dagegen schnell nach Ausrede, nach Schwäche, nach „reiß dich halt zusammen“. Dabei ist genau das oft der ehrlichere Grund. Es war nicht so, dass kein Buch in Reichweite gewesen wäre. Es war eher so, dass zwischen mir und dem Buch eine unsichtbare Wand aus Müdigkeit, Reizüberflutung und innerem Grundrauschen stand.
Und ja, das nervt mich.
Geschichten haben mir gefehlt. Ich liebe Bücher. Lesen ist für mich normalerweise Rückzug, Denkraum und kleine Flucht zugleich.
Es nervt mich vor allem, weil ich am Ende nichts vorzuweisen habe.
Da ist er, der unsympathische Satz.
Nicht schön. Nicht romantisch. Aber ehrlich.
Denn offenbar reicht es nicht immer, dass ein Monat gelebt wurde. Er soll bitte auch verwertbar sein. Zählbar. Sichtbar. Abhakbar. Ein Monat soll sich am Ende ordentlich hinlegen lassen wie ein ausgefülltes Formular: gelesen, geschrieben, erledigt, abgegeben, dokumentiert. Vielen Dank, nächster Vorgang.
Und genau da meldet sich dann diese innere Buchhaltung.
Sie kommt nicht dramatisch. Sie tritt nicht die Tür ein. Sie räuspert sich nur sehr trocken irgendwo im Hinterkopf, klappt ihren Ordner auf und fragt: „Was haben wir denn diesmal?“
Gelesene Bücher: 0.
Rezensionen: 0.
Literarischer Glanz: überschaubar.
Gefühlte Rechtfertigungslast: unnötig hoch.
Diese innere Buchhaltung ist leider ziemlich zuverlässig. Man kann sich auf sie verlassen, was schon deshalb ärgerlich ist, weil sie selten etwas Nettes sagt. Sie interessiert sich nicht besonders dafür, ob ein Monat anstrengend war. Ob der Kopf voll war. Ob man gearbeitet, funktioniert, gedacht, geplant, abgegeben, organisiert oder einfach durchgehalten hat. Sie fragt nicht: „Warst du präsent?“ Sie fragt: „Was ist herausgekommen?“
Und das ist der Punkt, an dem es unangenehm wird.
Weil ich dieses Muster kenne.
Nicht nur vom Lesen. Nicht nur vom Blog. Eigentlich von allem.
Wenn ich male, soll am Ende ein Bild entstehen. Wenn ich schreibe, soll am Ende ein Text entstehen. Wenn ich studiere, soll am Ende etwas Abgegebenes, Bewertbares, möglichst Solides herauskommen. Wenn ich lese, soll daraus idealerweise eine Rezension werden. Eine Meinung. Ein Beitrag. Ein kleiner Beweis dafür, dass die Zeit nicht einfach nur verschwunden ist.
Als müsste Zeit sich rechtfertigen.
Als wäre ein Monat erst dann gültig, wenn er irgendwo Spuren hinterlässt, die man herzeigen kann.
Das ist ziemlich absurd, wenn man es nüchtern betrachtet. Leider hilft nüchternes Betrachten nur bedingt gegen alte Muster. Die sind nicht beeindruckt davon, dass man sie durchschaut. Sie stehen trotzdem da, mit verschränkten Armen, und warten auf Ergebnisse.
Der Juni hatte Ergebnisse. Nur eben keine buchigen.
Ich habe zwei Projektpräsentationen abgegeben. Das ist nicht nichts. Es ist sogar ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass solche Dinge nicht einfach aus dem Boden wachsen, sondern Zeit, Konzentration und geistige Kapazität fressen. Also genau die Ressourcen, die abends dann nicht mehr in Hülle und Fülle für ein Buchspaziergängchen durch fremde Welten bereitstehen.
Ich war außerdem beim Unheilig-Konzert auf der Clam.
Und das war mein Highlight.

Die bassige Stimme des Grafen, diese Energie, dieser Ort. Es hat mich aufgeladen. Nicht auf diese brave „Ich habe jetzt wieder Kraft für alle meine Aufgaben“-Art, die man in Motivationskalendern verkaufen könnte. Sondern echter. Direkter. Für ein paar Stunden war ich nicht im Abarbeitungsmodus. Kein inneres Controlling, keine Listen, kein „du solltest noch“. Nur Musik, Stimmung, Burgkulisse und dieses seltene Gefühl, aus dem Alltag herausgerissen zu werden, ohne sofort wieder irgendwo hineinsortiert zu werden.


Vielleicht ist genau das der Punkt, der meiner inneren Buchhaltung so schwerfällt.
Solche Momente lassen sich schlecht verbuchen.
Man kann sie nicht sauber in eine Rezension verwandeln. Nicht in eine Leseliste. Nicht in eine Zahl, die am Monatsende gut aussieht. Sie sind einfach da. Sie wirken nach. Sie machen etwas mit einem, ohne sich direkt als Output anzubieten.
Unverschämtheit eigentlich.
Und dann ist da noch die Vorfreude auf den Sommerurlaub. Auf Schwimmen. Auf Wasser. Auf Wärme, die nicht nur anstrengend ist, sondern vielleicht auch nach Pause schmeckt. Auf Juli, Musical, Salzburg, kleine Auszeiten und hoffentlich etwas weniger Kopfkirmes.
Auch das ist nichts, was sich in einer Bücherstatistik abbilden lässt.
Aber es zählt trotzdem.
Das ist so ein Satz, den ich theoretisch sofort unterschreiben würde. Praktisch steht mein inneres System daneben und fragt: „Ja eh, aber wo ist jetzt die Rezension?“
Schwierig.
Ein Bücherblog ohne gelesene Bücher fühlt sich für mich schnell falsch an. Als würde ich am Thema vorbeischreiben. Als müsste jeder Beitrag eine sichtbare Verbindung zu einem Buch haben, sonst wird er verdächtig. Dabei ist Lesen ja nie nur das Buch selbst. Lesen ist auch der Zustand, in dem man überhaupt lesen kann. Die innere Verfügbarkeit. Die Ruhe. Die Bereitschaft, sich auf fremde Gedanken einzulassen, statt nur den eigenen Lärm leiser drehen zu wollen.
Im Juni war dieser Zustand nicht da.
Das heißt nicht, dass Bücher unwichtig geworden sind. Es heißt nur, dass mein Kopf gerade kein weiterer Raum sein wollte, der betreten wird. Er wollte eher eine Tür schließen, Licht dimmen und nichts erklärt bekommen.
Kann man ihm übel nehmen.
Muss man aber nicht.
Und vielleicht ist genau das der ehrlichere Bücherblog-Beitrag für diesen Monat: nicht über ein Buch zu schreiben, sondern über die Lücke, die entsteht, wenn Lesen ausfällt. Über dieses leise Kratzen am Selbstbild. Über die Frage, warum ein Hobby so schnell zur Nachweispflicht wird. Über die unschöne Erkenntnis, dass ich Lesen manchmal nicht nur als Genuss betrachte, sondern auch als Beleg dafür, dass ich meine Zeit „gut“ genutzt habe.
Was auch immer „gut“ in dem Zusammenhang heißen soll.
Wahrscheinlich: produktiv. Sichtbar. Erzählbar. Bewertbar.
Also genau die Sorte Wörter, die sich heimlich in Hobbys einschleicht und dort so tut, als hätte sie schon immer dazugehört.
Hat sie aber nicht.
Lesen muss nicht immer verwertbar sein. Das weiß ich. Theoretisch. Ich könnte es wahrscheinlich sogar ziemlich überzeugend jemand anderem erklären. Bei mir selbst bin ich weniger leichtgläubig. Da greift dann wieder diese alte innere Mechanik: Wenn nichts herauskommt, war es vielleicht nicht genug.
Nur stimmt das eben nicht.
Der Juni war nicht leer.
Er war voll. Vielleicht sogar zu voll für Bücher.
Er war warm. Er war laut. Er war anstrengend. Er hatte Abgaben, Berieselung, volle Gedanken, Vorfreude, Musik und diesen einen Konzertmoment, der mehr Energie hinterlassen hat als manche perfekt abgehakte To-do-Liste.
Er hatte nur keine gelesenen Bücher.
Und ja, das stört mich. Ich werde jetzt nicht so tun, als wäre ich darüber vollkommen tiefenentspannt und erleuchtet. Bin ich nicht. Ich hätte gerne gelesen. Ich hätte gerne eine Rezension geschrieben. Ich hätte gerne etwas Buchiges vorzuweisen gehabt, damit dieser Beitrag sauberer ins Konzept passt.
Aber vielleicht ist genau dieses „sauber ins Konzept passen“ manchmal das Problem.
Nicht alles, was zu einem Bücherblog gehört, ist eine Rezension. Manchmal gehört auch der Monat dazu, in dem keine Rezension entsteht. Die Pause. Die Lücke. Das schlechte Gewissen. Die Frage, warum sich ein ungelesener Monat sofort wie ein kleiner persönlicher Mangel anfühlt.
Ich habe im Juni kein einziges Buch gelesen.
Das ist die Wahrheit.
Die andere Wahrheit ist: Ich habe gelebt, gearbeitet, abgegeben, mich berieseln lassen, mich auf Sommer gefreut und auf der Clam für ein paar Stunden gespürt, dass Energie nicht immer aus Ruhe kommt. Manchmal kommt sie aus Bass, Stimme, Ort und einem Moment, der einen aus dem eigenen Kopf schiebt.
Vielleicht lese ich im Juli wieder mehr. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht braucht es erst Urlaub, Wasser, Sonne und ein bisschen weniger inneres Grundrauschen. Ich werde sehen.
Was ich mir jedenfalls nicht vornehmen möchte: aus dem Juli direkt die nächste Prüfung zu machen.
Denn genau dort beginnt dieser ganze Unsinn wieder.
Also bekommt der Juni jetzt seinen Beitrag. Keinen klassischen Bücherbeitrag. Keine Rezension. Keine Liste. Kein literarisches Leistungsabzeichen zum Anheften.
Nur diese Notiz aus einem warmen Monat mit vollem Kopf, 0 gelesenen Büchern und einer inneren Buchhaltung, die wieder einmal etwas zu wichtig tut.
Sie darf das gerne unbefriedigend finden.
Ich veröffentliche es trotzdem. 🥰
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