Juli 2026

Juli – ruhig war offenbar nur die Tarnung

Der Juli biegt langsam auf die Zielgerade ein und beim ersten Nachdenken war meine Bilanz ungefähr: Was habe ich diesen Monat eigentlich gemacht? Die Tage sind wieder so schnell vergangen, dass vermutlich irgendwo jemand heimlich an der Geschwindigkeit gedreht hat. Kaum hatte der Juli begonnen, stand er schon wieder mit gepackten Koffern vor der Tür. Dabei war er rückblickend gar nicht leer. Er war nur angenehm unaufgeregt. Es gab Kultur, einen Ausflug nach Salzburg, einen erheblichen Verlust an Haarlänge, fünf abgegebene Wahlpflichtmodule, eine Grillerei und ein Buch, das von einer App behandelt wurde, als wäre unkontrolliertes Weiterlesen eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Ordnung. Ruhig war also hauptsächlich die Verpackung.

Pretty Woman, starke Stimmen und ein gelungenes Date

Am 24. Juli war ich mit meinem Mann im Musiktheater Linz. Wir haben uns „Pretty Woman – Das Musical“ angesehen, und es war tatsächlich ein richtig schönes Date. Auch verheiratete Menschen dürfen sich noch verabreden. Man muss nicht jeden gemeinsamen Abend zwischen Alltagsorganisation, Einkaufslisten und der Frage verbringen, wer schon wieder irgendwo das Licht brennen gelassen hat. Die Geschichte von „Pretty Woman“ dürfte hinreichend bekannt sein: Eine junge Frau trifft einen sehr reichen Mann, beide entdecken hinter den sorgfältig gepflegten Fassaden jeweils einen Menschen, und am Ende gewinnt die Liebe. Geld spielt selbstverständlich überhaupt keine Rolle. Es bezahlt lediglich das Hotel, die Kleidung, das Auto und einen erheblichen Teil der Handlung.

Auf der Bühne hatte das Ganze richtig Energie. Die Stimmen waren kräftig, die Inszenierung war lebendig und auch das Publikum wusste, wann es lachen sollte. Es waren einige komödiantische Szenen eingebaut, die offensichtlich gut funktioniert haben. Mich zum Lachen zu bringen, ist allerdings kein besonders dankbares Unterfangen. Ich habe die Pointen erkannt und wohlwollend zur Kenntnis genommen. Mehr kann man von meiner Gesichtsmuskulatur nicht an jedem Abend verlangen.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir Kit De Luca, Vivians beste Freundin. Die Darstellerin hatte eine Stimme, die nicht höflich um Aufmerksamkeit bat, sondern sie sich einfach nahm. Kraftvoll, präsent und beinahe gewaltig. Obwohl Kit keine Hauptfigur ist, gehörte sie für mich eindeutig zu den stärksten Figuren des Abends. Manche Menschen stehen auf einer Bühne. Andere betreten sie und lassen die Bühne kurz überlegen, ob sie überhaupt noch gebraucht wird.

Dann gab es noch den Pagen. Quirlig, lebhaft und gefühlt ständig in Bewegung. Also eine Figur, bei der ich verdächtig oft an meinen Mann denken musste. Offenbar habe ich eine gewisse Form temperamentvoller Unruhe nicht nur geheiratet, sondern erkenne sie auch unter Scheinwerferlicht sofort wieder. Der Page brachte jedenfalls zusätzlichen Schwung in die Handlung und gehörte für mich ebenfalls zu den heimlichen Höhepunkten. Insgesamt war das Musical laut, lebendig und stimmungsvoll. Also genau das Gegenteil von einem Theaterabend, bei dem man in der Pause bereits prüft, ob sich ein unauffälliger Fluchtweg finden lässt.

25 Zentimeter weniger Wuschelkopf

Ein Friseurtermin führte meinen Mann und mich im Juli außerdem nach Salzburg. Bei mir kamen ungefähr 25 Zentimeter Haare ab. Das klingt zunächst nach einer überschaubaren kosmetischen Entscheidung, bis man bedenkt, dass ich meine Haare seit Mai 2012 wachsen ließ. Andere Menschen wechseln in dieser Zeit mehrfach den Beruf, gründen eine Familie oder entwickeln eine gesunde Abneigung gegen Sprachnachrichten, die mit „Ich halte mich ganz kurz“ beginnen. Ich ließ meine Haare wachsen.

Nur bei Umzügen mussten zwischendurch jeweils ungefähr 20 Zentimeter daran glauben. Andere Menschen sortieren bei einem Umzug alte Unterlagen aus, verkaufen Möbel oder trennen sich von Gegenständen, die seit zehn Jahren unberührt in einem Schrank liegen. Ich kürze offenbar meine Haare. Jeder braucht ein eigenes Ritual, um den Beginn eines neuen Lebensabschnitts unnötig dramatisch zu markieren.

Der erste Blick in den Spiegel war entsprechend ungewohnt. Nach so vielen Jahren mit langen Haaren sieht man sich plötzlich deutlich kürzer und fragt sich für einen Moment, ob man selbst noch vollständig im Bild ist. Das Ergebnis gefällt mir aber sehr gut. Meine Naturlocken fallen weiterhin schön, und ich war wirklich beeindruckt davon, was die Friseurin aus ihnen herausgeholt hat. Sie ist auf Locken spezialisiert, und das merkt man. Ein Wuschelkopf wird dort nicht einfach nass gemacht, gerade gezogen und anschließend so behandelt, als wäre jede Haarstruktur im Grunde dasselbe Problem mit unterschiedlichem Eskalationsgrad. Für alle Wuschelköpfe daher definitiv eine Empfehlung.

Kleine Portionen und eine große Sushi-Fehleinschätzung

Nach dem Friseurtermin hatten wir Hunger und landeten im SHAN China Restaurant. Bestellt wurde über ein Tablet, serviert wurden viele kleine Portionen. Das ist einerseits praktisch, weil man sich durch verschiedene Gerichte probieren kann. Andererseits ist es ein hinterhältiges Konzept. Kleine Portionen vermitteln dem Gehirn nämlich erstaunlich überzeugend, dass man eigentlich noch gar nichts gegessen hat. Selbst dann, wenn sich auf dem Tisch bereits genug leere Teller stapeln, um daraus ein architektonisch fragwürdiges Nebengebäude zu errichten.

Mein Mann nahm dieses Konzept besonders ernst. Vor allem beim Sushi. Er rollte danach gleich auf zwei Arten nach Hause: einmal mit seinem Körper und einmal mit dem Auto. Manche Menschen hören auf zu essen, wenn sie satt sind. Andere betrachten Sättigung offenbar als unverbindlichen Hinweis, den man zur Kenntnis nehmen, aber keinesfalls befolgen muss.

Fünf Abgaben und ein Excel-Beweisstück

Obwohl sich der Juli ruhig angefühlt hat, war ich im Studium keineswegs untätig. Ich habe fünf Wahlpflichtmodule abgegeben. Dass es tatsächlich fünf waren, musste ich zuerst in meiner Excel-Liste nachzählen. Mein Gedächtnis hatte diese Information offenbar bereits in irgendeinen schlecht beschrifteten mentalen Archivordner verschoben. Die Tabelle wusste natürlich Bescheid. Tabellen sind verlässlich. Sie werden nicht müde, vergessen nichts und beginnen auch keine Diskussion darüber, ob etwas wirklich so vereinbart war.

Abgeschlossen sind die Module noch nicht. Die Ergebnisse kommen erst im September. Bis dahin befinden sie sich in einem pädagogisch besonders wertvollen Schwebezustand zwischen „erledigt“ und „hoffentlich war das alles nicht völliger Unsinn“. Ich habe zwar bereits gute Noten gesammelt, aber daraus möchte ich keine öffentliche Leistungsschau machen. Es reicht, dass ich meinen Fortschritt in Excel überwache. Man muss nicht zusätzlich mit einem Notenschild durch das Internet marschieren und dabei so tun, als wäre Bescheidenheit ein technischer Defekt.

Eine der Abgaben war trotzdem etwas Besonderes. Zum ersten Mal habe ich bei einem Studienprojekt mit einem Studienkollegen zusammengearbeitet. Gemeinsam entwickelten wir eine Hörerfeedback-App mit einem zusätzlichen Dashboard für die Moderation. Normalerweise arbeite ich lieber allein. Nicht, weil ich grundsätzlich nicht teamfähig wäre. Ich weiß nur gerne jederzeit ganz genau, wer verantwortlich ist, wenn etwas schiefläuft. Meistens bin ich es dann selbst, und damit kann ich arbeiten.

Mit Susel war die Zusammenarbeit allerdings erstaunlich entspannt. Es war ungewohnt, aber nicht anstrengend. Die Aufgaben ließen sich vernünftig aufteilen, die Abstimmungen waren unkompliziert und ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis, das gesamte Projekt heimlich an mich zu reißen. Das ist bereits ein beachtlicher Erfolg. Sollte noch einmal eine Gruppenarbeit anstehen, wäre er eindeutig meine bevorzugte Wahl. Ein größeres Lob kann eine überzeugte Alleinarbeiterin kaum aussprechen, ohne ihren Ruf ernsthaft zu beschädigen.

Lesen im streng überwachten Kapitelvollzug

Natürlich wurde im Juli auch gelesen. Zumindest in den Mengen, die mir die Galatea-App gnädigerweise zugestand. Bei „Owned by the Alphas“ war nach drei Kapiteln pro Tag Schluss. Völlig unabhängig davon, ob man gerade mitten in der Handlung steckte oder endlich wissen wollte, warum sich eine Figur schon wieder so verhielt, als hätte sie grundlegende Kommunikation nur aus alten Legenden kennengelernt.

Für Menschen, die gemütlich ein Kapitel lesen und das Buch anschließend freiwillig zwei Tage weglegen, mag dieses System funktionieren. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Wenn ich lese, möchte ich weiterlesen. Ich möchte nicht von einer App behandelt werden, als müsse mein Literaturkonsum wegen akuter Selbstgefährdung rationiert werden. Trotzdem bin ich drangeblieben und lese inzwischen sogar den zweiten Band. Das liegt allerdings nicht daran, dass ich plötzlich eine große Begeisterung für endlose, detailliert beschriebene Sexszenen entwickelt hätte. Wenn innerhalb eines Kapitels gefühlt dreimal dasselbe passiert, wird es durch zusätzliche Adjektive und leicht veränderte Körperstellungen nicht automatisch abwechslungsreicher. Irgendwann möchte man den Beteiligten zurufen, sie mögen sich bitte kurz anziehen und die eigentliche Handlung fortsetzen.

Auch die Figuren wirken manchmal etwas künstlich. Wobei das vermutlich weniger ein Unfall als Teil des gebuchten Gesamtpakets ist. Bei dieser Art von Geschichte weiß man ungefähr, worauf man sich einlässt. Man bestellt keinen literarischen Kamillentee und beschwert sich anschließend, dass jemand Glitzer, Werwölfe und drei Alphas hineingeworfen hat. Der Kern der Geschichte ist aber interessant genug, dass ich weiterlesen möchte. Die Welt, die Konflikte und der Cliffhanger haben mich offensichtlich stärker eingefangen, als meine Beschwerden vermuten lassen. Ich kritisiere also die App, die Wiederholungen und den rationierten Lesefluss – und öffne trotzdem jeden Tag den nächsten Teil. Konsequenz ist schließlich auch nur eine überbewertete Form persönlicher Einschränkung.

Der Juli war gut. Der August wird laut.

Insgesamt war der Juli ein guter Monat. Nicht spektakulär. Nicht chaotisch. Aber gut gefüllt. Es gab ein schönes Date mit meinem Mann, ein gelungenes Musical, einen Ausflug nach Salzburg, eine neue Frisur, viel Studium, ein Buch mit eingebauter Geduldsprüfung und genug kleine Erlebnisse, um am Ende doch einen ganzen Monatsrückblick daraus zu bauen. Vielleicht war diese Ruhe auch genau richtig, denn der August wirkt nicht so, als hätte er auch nur das geringste Interesse an Zurückhaltung.

Zuerst geht es für einige Tage in die Türkei und damit endlich wieder ans Meer, das ich leider viel zu selten sehe. Kurz nach unserer Rückkehr fahren mein Mann und ich weiter nach Deutschland. Dort wartet eine Premiere auf mich: Ich werde zum ersten Mal richtig zelten. Die Ausrüstung steht bereit, eine praktikable Schlaflösung wurde vorbereitet und ein mittelalterliches Outfit wurde selbstverständlich ebenfalls gekauft. Wer zum ersten Mal zeltet, sollte schließlich nicht nur organisatorisch, sondern auch modisch angemessen eskalieren.

Ob ich darin aussehe, als würde ich glaubwürdig in eine andere Epoche gehören, oder wie jemand, der auf dem Weg zu einer sehr speziellen Faschingsveranstaltung falsch abgebogen ist, wird sich zeigen. Der Juli war damit vermutlich tatsächlich die Ruhe vor dem Urlaubssturm. Nur ganz so ruhig, wie er sich anfangs ausgegeben hat, war er offenbar nicht. Der Monat war einfach schlau genug, seine Arbeit im Hintergrund zu erledigen. Ähnlich wie ich. Nur ohne Excel-Liste.


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