
Titel: Ungezügelt
Autorin: Susanne Fröhlich
Verlag: Knaur (2025)
Genre: Gegenwartsliteratur / Unterhaltungsroman – mit deutlichem Schwerpunkt auf Frauenliteratur und humorvoller Alltagsbeobachtung
Seitenzahl: 288
ISBN-13/ASIN: 978-3426562918
Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆
REZENSIONSEXEMPLAR VON LOVELYBOOKS, Gebundenes Buch
Ich gehe selten mit Erwartungen in eine Reihe, schon gar nicht bei Band 13 – und doch hat mich Ungezügelt auf eine unerwartet menschliche Weise berührt. Nicht, weil es große Wendungen oder bahnbrechende Erkenntnisse bietet, sondern weil es das Leben zeigt, wie es eben ist: chaotisch, leise, unplanbar und trotzdem liebenswert. Und obwohl es bereits der 13. Band der Andrea-Schnidt-Reihe ist, kann man das Buch völlig unabhängig von den Vorgängern lesen. Ich selbst kannte keinen der früheren Teile und hatte dennoch nie das Gefühl, etwas zu verpassen – im Gegenteil, die Figuren und Beziehungen erschließen sich mühelos.
Andrea, diese 60-jährige Frau, die zwischen Familie, Romanprojekten, Diätversuchen und unerwarteten Polizeibegleitungen navigiert, ist eine Figur, die man nicht bewundert – sondern versteht. Und das ist fast schöner.
Susanne Fröhlich schreibt mit einem Blick, der genau weiß, dass Humor kein Leichtgewicht ist. Hinter all dem Schmunzeln über Rudis Badeanzug und Andreas peinliche Laptop-Szene schwingt etwas Tieferes mit: die Angst, überflüssig zu werden, die Sehnsucht, gesehen zu bleiben, und die stille Frage, ob das Älterwerden wirklich bedeutet, leiser zu werden. Ich glaube, genau das macht ihren Stil aus – sie spricht aus, was viele denken, aber kaum jemand mit solcher Leichtigkeit zu formulieren wagt.
Ich bin schwer zum Lachen zu bringen, doch Fröhlichs feine Ironie hat mich immer wieder zum Lächeln gebracht. Der Dialekt von Rudi und Irene verlangsamte zwar meinen Lesefluss, aber es fühlte sich an wie ein bewusster Bruch – als wollte sie mich zwingen, genauer hinzusehen, statt nur zu überfliegen. Zwischen diesen humorvollen Szenen liegt viel Menschlichkeit. Rudi, mit seinen 90 Jahren und seiner entwaffnenden Lebensfreude, erinnert daran, dass es nie zu spät ist, etwas Neues zu beginnen. Und Andrea, die plötzlich eine neue berufliche Aufgabe bekommt, beweist, dass Neuanfang kein Privileg der Jugend ist.
Vielleicht hat mich das Buch deshalb so nachdenklich gemacht. Ich sitze aufgrund eines Gendefekts im Rollstuhl, bewege mich wenig, und doch habe ich im letzten Jahr meine Ernährung umgestellt – ketogen, low carb, Schritt für Schritt. Ohne Sport, aber mit Willen. Als ich im September plötzlich meinen Ehering ohne Mühe abziehen konnte – ein Ring, der bei meiner Hochzeit kaum über den Finger passte – wurde mir klar, wie viel Veränderung möglich ist, wenn man sie wirklich will. Und genau das sehe ich auch in Ungezügelt: Veränderung beginnt nicht mit einem Fitnessplan oder einem Neuanfang, sondern mit einer Entscheidung.
Trotzdem bleibt der Nachgeschmack des Alltäglichen. Ich habe gelächelt, aber nicht gelacht; genickt, aber nicht geweint. Und vielleicht ist das genau der Punkt. Dieses Buch will nicht aufrütteln, es will begleiten. Es ist kein Sturm, sondern ein Spaziergang – manchmal mit Stolpersteinen, manchmal mit Kaffee und Kuchen, aber immer mit Herz.
Ich bewundere, wie Fröhlich ernste Themen wie Demenz, Einsamkeit und Beziehungsverschleiß mit einer fast zärtlichen Distanz behandelt. Sie urteilt nicht, sie beobachtet. Und diese Haltung mag ich sehr. Am Ende bleibt das Gefühl, etwas Echtem begegnet zu sein: Menschen, die Fehler machen, sich verrennen, streiten, versöhnen – kurz: leben.
Für mich sind es drei Sterne. Nicht, weil das Buch schwach wäre, sondern weil es ruhig bleibt, wo ich mir manchmal mehr Mut gewünscht hätte. Es ist warm, ehrlich, lebensnah – und vielleicht genau deshalb kein Buch, das laut im Gedächtnis bleibt, sondern still im Herzen nachhallt. Ein liebevoller Blick auf das Älterwerden, der zeigt, dass Selbstironie manchmal die schönste Form von Stärke ist.
Hier findest du das Buch:
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