
Titel: Jetzt ist Sense
Autorin: Hans Rath
Verlag: dtv (2023)
Genre: Ein humorvoll-philosophischer Roman mit mythischem Einschlag
Seitenzahl: 288
ISBN-13: 978-3423263344
Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆
Gelesen über: Onleihe (Bibliothek)
Ich mag Romane, die einen Grenzzaun öffnen, als wäre er eine Tür. Hans Rath lässt mich durch so eine Tür gehen: hinein in eine Welt, in der ein Todesengel müde wird, Götter gekränkt sind wie Egos auf Twitter – und eine Psychologin mit sehr irdischer Wärme versucht, das Chaos auf menschliches Maß zu bringen. Klingt nach Klamauk? Manchmal. Aber darunter liegt die große Frage: Wie lebt man weiter, wenn der Tod auf dem Beifahrersitz mitfährt?
Ja, die Geschichte hetzt von Ereignis zu Ereignis: Geburt auf dem Land, ein LKW, der knapp verfehlt, eine Geiselnahme, vertauschte Blutproben, eine Gasexplosion – und immer wieder Zino, der Todesengel, der eingreift, verhandelt, pokert. Aber unter der Action steckt ein stillerer Text: Über Lebenschuld, über die Trägheit von Gewohnheiten, über die Kosten des Eingreifens. Wenn der Tod dich rettet, schuldet man ihm dann etwas? Sich selbst? Den anderen? Und ab wann wird „retten“ zur Hybris?
Olivia, Psychologin, ist mein Anker. Nicht unfehlbar, nicht eisern, sondern wach, empathisch, mit einem feinen Radar für Situationen, in denen Worte mehr sind als Geräusch. Ihr Bogen – von Unsicherheit zu Haltung – ist leise geschrieben und deshalb glaubwürdig. Zino, der Todesengel: Ich mochte ihn von Anfang an, obwohl die Lügerei zwischendurch genervt hat. Vielleicht, weil seine Müdigkeit echt wirkt. Er will raus aus dem Job und hinein ins Menschliche. Götter, sagt der Text, sind auch nur Leute mit Aufgabenheften. Georg, lange ein Waschlappen, wächst im in den letzten Kapiteln. Plötzlich denkt er nach, benennt seine Angst, wagt eine Wahl. Spät, aber nicht zu spät. Conny ist die Erdung: Pragmatismus, Humor, Wut – und die Fähigkeit, trotzdem zu handeln.
Besonders stark fand ich den See als Grenzraum: bei Tag Ententeich, bei Nacht Tor. Die Überfahrt mit Charon ist keine Drohung, sondern Abmachung – und der Preis fürs Weiterleben heißt Vergessen. Ein fieser, kluger Gedanke: Wir retten uns, indem wir weglassen. Was macht das mit Identität? Auch die Motive des Schicksals, in das Zino und Olivia eingreifen, bleiben hängen. Hades reagiert wie ein gekränkter Verwaltungschef. Das ist manchmal komisch, manchmal unheimlich und im Kern sehr menschlich: Systeme mögen keine Ausnahmen. Und immer wieder zieht sich der Gedanke durch, dass nicht Heldentum, sondern Menschlichkeit die eigentliche Kraft ist.
Hans Rath mischt Dialogtempo mit Reflexionsinseln. Die Dialoge tragen, oft witzig, manchmal überpointiert. Die Set-Pieces wirken wie dramaturgische Haltestellen – effizient, aber gelegentlich zu glatt gefügt. Dafür entschädigen die ruhigen Kapitel: nächtliches Brandenburg, der Friedhof, die letzte Fährszene – mystisch ohne Tamtam. Genau dort hat das Buch für mich seinen Atem.
Ein Teil der Spannung speist sich aus Verkettungen, die sich sehr gebaut anfühlen. Nicht schlimm, aber spürbar. Und Zinos Lügenphase dünnt seine Glaubwürdigkeit aus – erzählerisch erklärbar, emotional trotzdem sandig. Insgesamt schwankt der Ton zwischen Screwball und Existenzfragen; das kann knistern, kippt jedoch zuweilen.
Und doch bleiben mir die starken Bilder: Olivia, die in einer Geiselnacht nur mit Sprache deeskaliert. Zino, der sich gegen das Amt entscheidet – für das Risiko, endlich Mensch zu sein oder dass er von Hades schlimmere Konsequenzen erwarten zu hat. Die Erkenntnis, dass Leben geschenkte Zeit ist, kein Versprechen. Und dass der Tod anders ist, als man denkt – weniger Endpunkt, mehr Spiegel.
Für mich ist es ein Roman über Sterblichkeit, der Humor zulässt, ohne die Fragen klein zu reden. Er ist nicht makellos, aber er ist eigensinnig – und dort stark, wo er leise wird. Ich habe gegrübelt, gelegentlich die Augen verdreht und am Ende das Fenster geöffnet, um tief Luft zu holen. Für Leser:innen, die mit griechischer Mythologie im Heute spielen wollen, ohne den philosophischen Muskelkater zu scheuen. Für alle anderen: Lest die See-Szene. Vielleicht reicht sie schon.
Das Buch erinnert daran, dass man Leben nicht „besitzt“, sondern bewohnt. Und dass Menschlichkeit nicht im Sieg liegt, sondern im Versuch, anständig zu bleiben, wenn das Unausweichliche anklopft. Wer weiß, was noch kommt. Bis dahin: leben.
Hier findest du das Buch:
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