
Titel: Hello Kitty muss sterben
Autorin: Angela S. Choi
Verlag: btb Verlag (2012)
Genre: Feministische Satire, Schwarze Komödie, Gesellschaftsroman
Seitenzahl: 288
Lesedauer: 4 Stunden 29 Minuten
ISBN-13: 978-3442741267
Bewertung: ⭐⭐⭐⭐☆
Gelesen über: Onleihe (Bibliothek)
Zwischen Anpassung und Abgrund – eine Reise ins Zentrum der Ambivalenz
Es gibt Bücher, die erzählt man weiter. Und es gibt Bücher, die man erst einmal verdauen muss. Dieses hier gehört zur zweiten Kategorie – nicht, weil es schwer verständlich wäre, sondern weil es unter der Oberfläche rührt. Weil es Dinge sichtbar macht, die wir lieber im Schatten lassen.
Im Zentrum steht Fiona – eine Figur, die sich jeglicher moralischen Vereinfachung entzieht. Sie ist unbequem. Sie ist widersprüchlich. Und genau deshalb ist sie so glaubwürdig. Ihre Stimme – durchgehend Ich-Erzählerin – ist geprägt von einer Mischung aus Sarkasmus, kühler Analyse und zunehmend beunruhigender Klarheit. Es ist keine Stimme, die tröstet. Aber eine, die herausfordert.
Was diesen Roman so bemerkenswert macht, ist seine kluge Inszenierung von kulturellem Erwartungsdruck. Fiona, als junge Frau mit chinesischem Hintergrund, bewegt sich in einem Geflecht aus familiären Rollenzuschreibungen, in denen Anpassung oft über Individualität gestellt wird. Der Druck zu funktionieren – zu gehorchen, zu heiraten, die „richtige“ Tochter zu sein – wird nicht explizit verhandelt, sondern sickert durch jedes Gespräch, jeden Gedanken, jede Geste. Es ist ein stiller, aber permanenter Zwang, gegen den sich Fiona auf ihre ganz eigene Weise zu behaupten versucht.
Dabei bleibt der Roman stets ambivalent. Es gibt keine Helden, keine klaren Opfer, keine einfachen Antworten. Stattdessen: eine schleichende Verschiebung von Kontrolle und Macht, eine stetige Verschärfung der inneren wie äußeren Konflikte. Die Frage nach Schuld wird nicht gestellt – oder besser: Sie wird gestellt, aber nie beantwortet. Und vielleicht liegt genau darin die Größe dieses Textes.
Stilistisch ist das Werk eine Gratwanderung: quirlig, fast überdreht zu Beginn, was perfekt zu Fionas Weltbild passt, dann zunehmend konzentrierter, schärfer, kälter. Humor und Dunkelheit gehen Hand in Hand. Wer das eine ohne das andere lesen will, wird scheitern.
Emotional bleibt der Text distanziert – aber gerade darin liegt seine Stärke. Er zwingt zur Beobachtung. Zur Reflexion. Und manchmal auch zur unbequemen Einsicht: Dass die Grenze zwischen Anpassung und Abgrund oft dünner ist, als wir glauben möchten.
Ein Buch für alle, die sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben. Für Leser:innen, die keine Unterhaltung suchen, sondern Reibung. Und die bereit sind, einer Figur zuzuhören, die uns vielleicht mehr spiegelt, als uns lieb ist.
Hier findest du das Buch:
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