
Titel: Der Erdbeerpflücker
Autorin: Monika Freth
Verlag: cbt (2003)
Genre: Jugendthriller mit starkem Einschlag von Psychothriller
Seitenzahl: 352
Lesedauer: 5 Stunden 55 Minuten
ISBN-13: 978-3570302583
Bewertung: ⭐⭐⭐⭐☆
Gelesen über: Onleihe (Bibliothek)
Mit Der Erdbeerpflücker eröffnet Monika Feth eine Jugendthriller-Reihe, die mich in ihrer Intensität überrascht hat. Obwohl die Zielgruppe klar im Jugendbuchbereich liegt, entfaltet die Geschichte eine Wirkung, die weit über Altersgrenzen hinausreicht. Schon früh wird der Täter benannt, doch anstatt die Spannung zu mindern, verschiebt sich der Fokus. Nicht das Rätsel „Wer ist der Mörder?“ steht im Vordergrund, sondern die ungleich beklemmendere Frage: „Wann und in welcher Form wird er wieder zuschlagen – und wer gerät in seine Gewalt?“ Diese Verschiebung vom klassischen Krimimuster hin zum psychologischen Blick erzeugt eine Unruhe, die das gesamte Buch durchzieht.
Besonders gelungen ist der Wechsel der Perspektiven. Wir tauchen ein in die verstörte Gedankenwelt eines Psychopathen, erleben die jugendliche Naivität von Jette und Merle, spüren die Sorge von Imke und begleiten gleichzeitig Kommissar Bert, der mit Ruhe und Beharrlichkeit versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen. Gerade dieser Perspektivwechsel führt dazu, dass man immer tiefer hineingezogen wird und nicht nur die äußeren Geschehnisse verfolgt, sondern auch die inneren Kämpfe der Figuren.
Einige Charaktere bleiben für mich besonders im Gedächtnis. Kommissar Bert beeindruckte mich durch seine Mischung aus Professionalität und Menschlichkeit. Er bleibt sachlich, verliert aber nie das Gespür für Emotionen und zeigt, dass Intuition ebenso wertvoll sein kann wie Logik. Jettes Großmutter sticht durch ihre Direktheit hervor, ihre klare Sicht auf Menschen wirkt fast unheimlich präzise. Und dann ist da Rudi, der kleine Hund, der mit einer stillen Geste zum Symbol für Mut und Schutz wird – eine Nebenfigur, die mehr aussagt als viele Worte.
Trotz der vielen Stärken möchte ich auch die Schwächen nicht verschweigen. Besonders die Naivität der Mädchen hat mich an einigen Stellen irritiert. Sie ignorieren Gefahren oder lassen Vorsicht walten, wo sie dringend notwendig gewesen wäre. Es ist nachvollziehbar, dass die Autorin dadurch die Spannung erhöhen wollte, doch gelegentlich wirkte es zu konstruiert. Ebenso wiederholen sich Georgs innere Monologe in ihrer Struktur: Sehnsucht, Obsession, Gewaltfantasie – ein Kreislauf, der zwar seine psychologische Stimmigkeit hat, aber stellenweise an Dynamik verliert. Auch die Polizeiarbeit erschien mir manchmal zu bequem erzählt, da entscheidende Hinweise mehr durch Zufall als durch konsequente Ermittlungsarbeit ans Licht kamen.
Trotz dieser Kritikpunkte bleibt das Gesamtwerk stark. Monika Feth schreibt klar, flüssig und zugleich atmosphärisch dicht. Die Kapitel sind so gesetzt, dass sie fast wie Sog wirken – man legt das Buch schwer aus der Hand. Was mich besonders gefesselt hat, war die psychologische Ebene: der Blick durch die Augen eines Täters. Es ist verstörend, aber gerade deshalb faszinierend, zu erleben, wie gefährlich die vermeintliche Normalität sein kann, hinter der sich Abgründe verbergen.
Der Erdbeerpflücker ist mehr als ein Jugendthriller. Er ist eine Studie über Naivität, Vertrauen, Gefahr und die zerstörerische Kraft einer Obsession. Ein Buch, das zeigt, wie nah Liebe und Abgrund beieinanderliegen können und das Fragen hinterlässt, die über die letzte Seite hinauswirken. Für mich war es ein intensives, spannendes und nachdenklich machendes Leseerlebnis. Verdiente 4 Sterne – ausgewogen, ehrlich und mit der Neugier auf die folgenden Bände..
Hier findest du das Buch:
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